Was uns bei der Planung im Weg steht

Interview mit Hannes Witte, Leiter Technische Planung bei TNL

„Was uns bei der Planung im Weg steht, wird Teil der Inszenierung.“

Hannes, du legst fest, wo die zahlreichen Beamer in der Petrikirche installiert werden. Wie gehst du bei dieser anspruchsvollen Planung vor?

Die Schwierigkeit ist nicht, eine gute Position für einen Projektor zu finden. Wir müssen Positionen finden, die alle zusammen funktionieren.

Die Vorplanung war deshalb ein riesiges Puzzle. Du denkst: Jetzt haben wir eine Lösung. Dann gehst du ein paar Schritte weiter und stellst fest, dass zwei Meter weiter ein Schatten entsteht oder eine andere Fläche nicht mehr aufgeht. Dann verschiebst du wieder, rechnest neu und das Puzzle beginnt an dieser Stelle von vorne.

Gleichzeitig bleibt die Petrikirche Kirche und Veranstaltungsort. Vorhandene Veranstaltungstechnik braucht ihren Platz, und die Decke war als Montageort komplett tabu.

Irgendwann wird aus der Planung dann Realität: Für die Projektoren wurden individuelle Halterungen gefertigt, die sich mechanisch nicht nachjustieren lassen. Am Rechner kannst du eine Position hundertmal verschieben. Wenn die Halterung aus Stahl in der Kirche hängt, muss sie passen. Die Montage der ersten Halterungen war deshalb schon ein ziemlich spannender Moment.

Was macht die Petrikirche als Projektionsraum besonders – und an welchen Stellen stellt dich ihre Architektur vor Herausforderungen?

Hier plant man nicht vor einer freien Fläche. Pfeiler, Bögen und Gewölbe bestimmen von Anfang an mit, wo ein Projektor sinnvoll stehen kann. Ein Pfeiler unterbricht den Lichtweg, ein Bogen begrenzt die Fläche, und ein Gewölbe muss teilweise aus einem sehr schrägen Winkel erreicht werden.

Dazu kommt die 360-Grad-Inszenierung: Die Besucher:innen stehen nicht vor der Projektion, sondern mittendrin. Damit bewegen sie sich zwangsläufig auch zwischen Projektoren und Projektionsflächen. Wenn überall um dich herum Bild sein soll, muss das Licht irgendwo herkommen. Aus bestimmten Blickwinkeln kann man deshalb auch einmal direkt in einen Lichtweg geraten.

Und genau das ist das Spannende: Was uns bei der Planung im Weg steht, wird später Teil der Inszenierung. Ein Pfeiler ist dann nicht mehr nur ein Hindernis im Lichtweg, sondern eine Fläche, mit der der Content spielen kann. Das gilt genauso für Bögen und Gewölbe.

Warum kommt es bei der Positionierung und Ausrichtung der Beamer für eine immersive Show tatsächlich auf jeden Zentimeter an?

Wir fragen nicht nur: Wo bekommen wir ein Bild hin? Sondern vor allem: Wo soll später wichtiger Content stattfinden? Nicht jeder Quadratmeter der Kirche ist gleich wichtig. Für die zentralen Flächen versuchen wir deshalb, möglichst große Bereiche mit einem einzigen Projektor abzudecken.

Eine Wand aus sechs oder sieben Projektorbildern zusammenzusetzen funktioniert technisch auch. Aber dann müssen alle Bilder in Geometrie, Helligkeit und Farbe so gut zusammenpassen, dass man die Übergänge nicht wahrnimmt. Ein einzelnes großes Projektorbild ist dafür die deutlich bessere Ausgangssituation.

Und genau deshalb können ein paar Zentimeter bei der Positionierung später einen großen Unterschied für die Bildqualität und die Möglichkeiten beim Content machen.

Wie gelingt es, Wände, Gewölbe und Boden möglichst lückenlos mit Bildern zu bespielen, ohne dass störende Schatten oder sichtbare Übergänge entstehen?

100 Prozent Abdeckung sind nicht automatisch 100 Prozent Qualität.

Bei diesem Projekt mussten wir immer wieder bewusst abwägen. Eine Position ist vielleicht an einer Stelle nicht perfekt, bringt dafür an drei anderen Stellen einen großen Vorteil. Dann ist das für das Gesamtbild der richtige Kompromiss.

Für die letzten fünf Prozent könnte man theoretisch noch zehn weitere Projektoren installieren. Damit holt man sich aber auch neue Übergänge, Lichtwege und Schatten in den Raum – bei deutlich höherem technischen und wirtschaftlichen Aufwand.
Technisch möglich heißt noch lange nicht, dass es die beste Lösung ist. Deshalb war unser Ansatz: Priorisieren statt Maximieren.

Vor Ort kommt dann die Feinarbeit mit Warping und Blending. Wir passen die Bilder an die Architektur an und verbinden die Projektionen so, dass die Übergänge möglichst verschwinden.

Am Ende zählt nicht die maximale Abdeckung auf dem Papier. Wir planen nicht möglichst viel Projektion, sondern möglichst viel Wirkung.

Die Technik soll ein beeindruckendes Erlebnis ermöglichen und zugleich im Kirchenraum möglichst unauffällig bleiben. Wie bringt ihr diese beiden Anforderungen zusammen?

Die Projektoren selbst können wir natürlich nicht verstecken. Aber während der Show sollen sie zumindest in der Wahrnehmung verschwinden.

Der Besucher oder die Besucherin soll nicht überlegen, wo das eine Projektorbild endet und das nächste beginnt. Wenn die einzelnen Bilder zu einem gemeinsamen Bildraum werden, tritt die Technik automatisch in den Hintergrund.

Genau das ist für mich der entscheidende Punkt: Die Technik ist nur das Werkzeug. Im besten Fall schaut man irgendwann nicht mehr auf eine Projektion, sondern erlebt die Architektur selbst als Teil des Bildes.

Wenn im Oktober die erste Show läuft: Auf welchen Moment oder welchen Effekt bist du selbst am meisten gespannt?

Im Moment kann ich die Kirche kaum noch anschauen, ohne Technik zu sehen. Ich sehe einen Pfeiler und denke an Schatten. Ich sehe eine Wand und denke an Projektionswinkel. Ich schaue ins Gewölbe und weiß ziemlich genau, welcher Projektor dort arbeitet.

Deshalb freue ich mich auf den Moment, in dem das für mich wieder verschwindet: Wenn der Content mit der Architektur spielt, die Projektionen zu einem gemeinsamen Bild werden und dann noch Licht, Ton und Orgel dazukommen, möchte ich einfach im Raum stehen und die Show auf mich wirken lassen.

Wenn selbst ich irgendwann vergesse, wo das Bild eigentlich herkommt, dann weiß ich: Es funktioniert.